Hallo Kornblume,
> Was einem Menschen gut bekommt kann letztendlich nur er oder
> sie selbst feststellen und niemand anderes.
Das ist schon richtig, allerdings spielt uns dabei unser Organismus einen Streich, denn der paßt sich leider auch an schlechte Ernährung an. Die macht dann zwar auf Dauer krank, aber vertragen wird sie erstmal ausgezeichnet. Das führt dann zu der absurden Situation, daß eine Ernährung, die eigentlich zur Krankheitsprävention nötig wäre, nicht durchgeführt wird, weil sie dem Menschen aufgrund seiner 'Prägung' auf Zivilisationskost erst einmal nicht bekommt. Wie viele behaupten, daß ihnen Vollkorn nicht bekommt? Daß sie es nicht vertragen? Solche Aussagen sind aber prinzipiell eigentlich falsch und müßten korrekterweise lauten: "Ich vertrage im Rahmen meiner derzeitigen Kostform keine Vollkornprodukte". Wir kennen ja alle die Unverträglichkeitsreaktion zwischen Fabrikzucker und Vollkornprodukten.
> Menschen, die schnell frieren oder eine geschwächte Verdauung haben,
> kann Rohkost mitunter Probleme bereiten (Haushaltszucker sollte dann
> jedoch ebenso vermieden werden).
Wenn bestimmte Teilprozesse der Verdauung nicht optimal funktionieren - also funktionelle Störungen vorliegen - so haben diese Störungen Ursachen, die man finden und beseitigen kann. Die Frischkost selbst ist aber nicht Ursache solcher Unverträglichkeiten.
> Wie sich das bei mir äußert, wenn ich Rohkost esse: ich muss mich ganz
> einfach übergeben, bekomme Magenschmerzen, oder ein Völlegefühl.
Das ist ein interessanter Effekt, den ich bisher so noch nicht erlebt habe. Ich kann es aber auch nicht beurteilen oder bewerten, da ich die näheren Umstände nicht kenne und auch kein Arzt bin.
> Meine Verdauung arbeitet generell langsamer als bei anderen und so
> können Lebensmittel mitunter 6-8 Stunden im Magen liegen und auch
> anfangen, zu gären.
Normalerweise gärt im Magen nichts, denn das Milieu dort ist ziemlich unfreundlich für Mikroorganismen. Da müßte schon einiges schiefgehen, bevor es im Magen zu einer Gärung kommen kann, bspw. durch eine massive Störung der Magensaftsekretion.
> Probleme mit dem Magen habe ich aber schon seit ich denken kann.
> Dabei wurde bei uns früher schon sehr gesund (vollwertig) gekocht
> ohne Fertigprodukte und aus teilweise eigenem Ökologischen Anbau.
Magenprobleme sind eher selten ernährungsbedingt, die Ursachen liegen meist im lebensbedingten Bereich. In diesen Bereich gehören auch Magenentleerungsstörungen, denn die Magenentleerung wird über den Nervus Vagus gesteuert.
> Gibt es dazu Studien oder Belege? Würde mich mal interessieren.
Mir ist leider keine bekannt, aber es wird sicherlich etliche geben. Die Wirkung der Glukose (bzw. generell der Kohlenhydrate) auf die Magenentleerung ist aber nichts neues, das findet sich bspw. in "Ernährung des Menschen" von Elmadfa/Leitzmann, 3. Auflage, p.39
> Korrekt ist, dass in Rohkost mehr Enzyme vorhanden sind, aber im
> Gegensatz dazu benötigen bereits vorverarbeitete Lebensmittel oft
> weniger Enzyme oder werden dadurch erst verträglich.
Mir ist nicht bekannt, was das belegen würde. Warum auch sollte vorverarbeitete Nahrung weniger Enzyme benötigen - die Nährstoffe sind ja identisch.
> Zum Beispiel bauen Milchsäurebakterien (z.B. im Sauerteig) das
> im Roggen enthaltene Phytin, das ein natürlicher Abwehrstoff
> des Getreides darstellt ab, das zu Verdauungsproblemen führen kann.
Phytin führt nicht zu Verdauungsproblemen, das gehört in die Pollmersche Märchenstunde. Die Effekte, die da gerne zitiert werden, wurden in Versuchen an Ratten mit stark überhöhten Dosierungen isolierter Phytine beobachtet. Es mag sein, daß diese Stoffe Abwehrstoffe der Pflanzen sind, aber im menschlichen Organismus wirken sie völlig anders. Ein Beispiel sind die auch immer gerne als Argument gegen die Vollkornprodukte angeführten Lektine, bei denen sich nach und nach herausstellt, daß sie offenbar sogar gesundheitsfördernde Eigenschaften haben.
Phytin wird durch die Phytase abgebaut, die das Getreidekorn ebenfalls mitbringt.
> Und meiner Meinung wird daher auch der Frischkornbrei eine Weile
> ruhen gelassen und nicht sofort nach dem Mahlen gegessen - denn
> nach der Theorie je frischer und unbehandelter desto besser - wäre
> das doch eigentlich viel besser.
"Das Einweichen des Getreides ist aus ernährungsphysiologischen Gründen nicht notwendig. Der Hauptgrund für die Empfehlung, das Getreide einzuweichen, liegt im Gebißzustand. [...] Wenn jemand ein gutes Gebiß hat und somit gut kauen kann, komme er auch mit geringerer oder keiner Einweichzeit zurecht. Grundsätzlich aber ist die Einweichzeit unwichtig." (Bruker)
> Was ich auch nicht verstehe, warum die Verdauungszeit hauptsächlich
> von der Glukose abhängt? Sie wird doch am schnellsten verarbeitet.
Genau das ist das Problem. Der Organismus hat im Dünndarm nur begrenzte Fähigkeiten die Kohlenhydrate zu verdauuen und muß so die Zufuhr regulieren. Schnell verarbeitbare Kohlenhydrate werden daher durch eine längere Verweilzeit im Magen und kleinere 'Abgabenmengen' in den Dünndarm gebremst. Es ist also ein Steuerungsmechanismus.
> Viel länger verweilen Ballaststoffe, Eiweiße und Fette im Magen -
> und das ist individuell unterschiedlich, aber bis zu 5 Stunden sind
> durchaus normal.
Das ist nach meinen Informationen nicht richtig. Die Halbwertszeiten für die Verweilzeit im Magen schwanken zwischen 30 Minuten für Stärke und 80 Minuten für Glukose.
> Sind Ballaststoffe jedoch erst einmal im Darm, so werden sie
> möglichst schnell wieder ausgeschieden, um darin enthaltene mögliche
> Gifte schnell wieder loszuwerden oder um Gärung zu vermeiden.
> Daher sind sie gut, um Verstopfungen entgegenzuwirken.
Da muß ich leider widersprechen. Zunächst müßten wir klären, was du mit Ballaststoffen meinst. Der Begriff ist im Deutschen leider fehlbesetzt und kann sowohl "Vitalstoffe" als auch "Faserstoffe" meinen. Ich nehme an, du meinst letzteres.
Faserstoffe enthalten aber keine "Gifte" und es findet im gesunden Darm auch keine Gärung statt. Eine Verstopfung ist eine funktionelle Störung der Darmperistaltik, die ihre Ursache primär in einer Unterversorgung des Organismus mit Vitalstoffen hat. Aufgrund der Fehlbesetzung des Begriffs findet man in der Literatur häufig den Zusammenhang "Ballaststoffe = bessere Verdauung". Hier sind die Vitalstoffe wirksam, aber der Volksmund versteht in diesem Zusammenhang Ballaststoffe leider nur als Faserstoffe.
> Wenn mit der "lianen Urmöhre" die BetaSweet oder auch Purple Haze
> gemeint ist, das ist eine Neuzüchtung aus den USA, die seit 2003 Jahren
> auch bei uns auf dem Markt ist.
Ah, dann bin ich auf die Werbung hereingefallen. Sowas passiert mir auch mal...

Danke für die Aufklärung.
> Zumindest sind die Alkaloide (Solanin) in der Kartoffel unverträglich,
> die in unseren hochgezüchteten Sorten kaum noch enthalten sind.
Der Solaningehalt der Kartoffel ist relativ gering. Zudem konzentriert er sich an grünen Stellen und unter der Schale. Um toxische Reaktionen auszulösen müßtest du schon rund ein halbes Kilo roh essen.
> Ich dachte, gerade in unserer neuen Zeit, wo wir mit Zahnärzten
> gut versorgt sind, sollte das Kauen selbst kein Problem sein.
Sollte man meinen, ja. Durch die breite Anwendung von Fluoriden und die bessere Hyigiene wird zwar die exogene Kariesentstehung verringert. Gerade das im Säuglingsalter gegebene Fluorid führt aber zur Bildung von Fluorapatit, das zwar wesentlich härter aber auch spröder ist als das normalerweise gebildete Calciumapatit. In Kombination mit der weiten Verbreitung der durch die zivilisatorische Fehlernährung verursachten endogenen Karies führt das zu Zähnen, die zwar äußerlich gesund aussehen, tatsächlich aber von innen her Defekte aufweisen und irgendwann einfach zusammenbrechen.
> Dennoch sind in der Randschicht auch Gifte, die die Pflanze zur
> natürlichen Abwehr gegen Fressfeinde einsetzt. Und diese können
> gerade bei empfindlichen Menschen Probleme machen, wenn sie nicht
> durch eine richtige Behandlung vorverarbeitet werden.
Lektine, Enzyminhibitoren und Phytinsäure - ja, ist bekannt. Das ist aber alles Panikmache und wird vor allem verbreitet, um die Leute von den Vollkornprodukten fernzuhalten. Wenn es dich interessiert, habe ich dazu einen Artikel der Bundesforschungsanstalt für Ernährung.
> Wozu würden Menschen denn sonst ein so aufwendiges Verfahren
> anstellen wie die traditionelle Sauerteigzubereitung, wenn sie es viel
> schneller und einfacher haben könnten und es einfach roh essen könnten?
Weil du ohne Sauerteig aus Roggen kein voluminöses Brot zubereiten kannst. Getreide wurde früher auch ohne Sauerteigführung gegessen - schon bei den alten Germanen und Römern.
> Es gibt Aufzeichnungen von Hippokrates (460-375 v. Chr.) der lehrte,
> dass Vollkornbrot den Darm reinigt, Weissbrot dagegen nährt.
Der Begriff "Weißbrot" (der im Original sicher eine andere Bedeutung hat) hat nichts mit unserem modernen Weißbrot zu tun. Wie gesagt: Auszugsmehl konnte bis vor 120 Jahren technisch gar nicht hergestellt werden. Bis dahin gab es ausschließlich Vollkornmehl.
> Aber gerade Weizenkleie oder andere rohe Getreideprodukte können
> bei empfindlichen Menschen Störungen verursachen und Probleme
> bereiten.
Bisher hatte sich in solchen Fällen als Ursache immer herausgestellt, daß Ernährungsfehler verantwortlich waren. Und häufig wird auch die normale Umstellung der Darmflora, die etwa 6-8 Wochen dauert, fehlinterpretiert und daraufhin behauptet, man vertrage keine Vollkornprodukte.
> Daher finde ich es viel wichtiger, auf seinen eigenen Körper zu hören,
Das ist in einer Zeit, in der die Sinne durch Chemie und Aromen ständig getäuscht werden, nicht ganz einfach...
> Dieser Beitrag ist jetzt etwas länger geworden - aber da ich selbst
> Erklärungen brauche um Dinge zu verstehen, wollte ich nicht einfach
> Dinge in den Raum werfen (man verzeiht mir meine naturwissenschaftliche
> Ader

)
Wir sind uns da recht ähnlich. Ich bin auch Naturwissenschaftler und schwer zu überzeugen...
